Die Wissenschaft meint – Meditation verändert! Teil 3 von 3
Sehen die Gehirne von erfahrenen Meditierenden anders aus?
Forscher sind der Frage nachgegangen, ob Schmerzen durch regelmässige Meditation gelindert werden können 22. Nach Davidson beruht ein Grossteil des Schmerzes auf der Antizipation, als auf dem eigentlichen Schmerz selbst 23. In einer Untersuchung wurde herausgefunden, dass erfahrene Meditierende im Vergleich zur Kontrollgruppe andere Gehirnstrukturen aufweisen. Gemäss den Forschern wäre dies eine mögliche Erklärung, dass sie durch Meditation unser Verhältnis zu Schmerz verändern kann 24. Einer Studie zufolge konnten Meditierende bei kleinen Elektroschocks ihr subjektives Schmerzempfinden gegenüber der Kontrollgruppe um 22 Prozent vermindern 26.

Grosse Werke vollbringt man nicht mit Kraft, sondern mit Ausdauer.
Samuel Johnson
Bei erfahrenen Meditierenden liessen sich deutlich verringerte Aktivitäten der frontalen Grosshirnrinde, der Amygdala und beim Hippocampus feststellen. Diese Areale seien bei starken Emotionen, wie Angst und Furcht, sowie bei der Abspeicherung von Erinnerungen dieser Art involviert. Die erfahrensten Meditierenden wiesen die geringsten Aktivitäten auf 25.
Kernspinuntersuchungen haben ergeben, dass sich nach bereits acht Wochen regelmässiger Achtsamkeitsmeditation Veränderungen in Gehirnen von Anfängern nachweisen lassen 27. Veränderte Gehirnstrukturen bei Langzeitmeditierenden lassen sich unabhängig der Meditationsmethode – ob Qi Gong, Achtsamkeitsmeditation oder Yoga – feststellen 28.
Und was passiert in den Gehirnen der Meditierenden?
Aus einer Studie geht hervor, dass Meditierende wie andere Menschen auch zwischen angenehmen und unangenehmen Reizen unterscheiden können, jedoch reagieren sie weniger emotional darauf. Sie haben die Fähigkeit, die Konzentration weiterhin hoch zu halten, ohne sich von ihren emotionalen Reaktionen hinreissen zu lassen 29. Weiter gibt es Evidenzen, dass Meditierende die Fähigkeit haben, bewusst eindrucksvolle, saubere und wohldefinierte Zustände im Geist zu erzeugen 30. Reagieren wir auf Aussenreize – sie machen uns traurig, glücklich, wütend etc. – so sind wir abhängig. Werden wir besser in der Steuerung unserer Reaktionen auf äussere Umstände, so reagieren wir nicht mehr, sondern agieren – wir werden freier.
Freude ist genau das, was jetzt geschieht – abzüglich unserer Meinung darüber.
Charlotte Joko Beck
Erfahrene Meditierende können ihre Aufmerksamkeit ohne Ermüdungserscheinung auf hohem Niveau halten – und dies bis zu 45 Minuten 31. Mittlerweile gebe es evidente neurobiologische Hinweise, dass während der Meditation sich die Gehirne von Meditierenden in Zuständen von grosser Wachheit und konzentrierter Aufmerksamkeit befinden 32. Man kann davon ausgehen, dass Meditation zu nachhaltigen Veränderungen jener Mechanismen führen, welche mit der Kontrolle der Aufmerksamkeit zu tun haben 33. So hilft die Meditation dabei, die Aufmerksamkeitsmechanismen zu schulen und verbessert die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit unter willentlicher Kontrolle an bestimmte Inhalte zu binden und sie wieder zu lösen – oder sich mit bestimmten Dingen nicht zu beschäftigen 34.

Denn das ist eben die Eigenschaft der wahren Aufmerksamkeit,
dass sie im Augenblick das Nichts zu allem macht.
Johann Wolfang von Goethe
Dies hat weitreichende Konsequenzen. Bedenkt man, dass wir oft dann am glücklichsten sind, wenn unsere Konzentration gebündelt bei einer Tätigkeit ist und wir in seinem sogenannten „Flow Zustand“ sind – sei es bei einem Spaziergang, beim Lesen eines Buches oder auch bei der Arbeit. Wir vergessen uns selbst, unsere Gedanken schweifen nicht ab. Ganz im Vergleich dazu, wenn unsere Gedanken „herumflattern“ und wir nicht bei der Sache sind – sei es ebenfalls bei einem Spaziergang, beim Lesen eines Buches oder auch bei der Arbeit. Wir vergessen, was wir eigentlich machen, uns unterlaufen vielleicht Fehler. Manchmal kreisen unsere Gedanken um ein Problem, obwohl wir genau wissen, dass es uns nichts bringt, wir nichts ändern können, sie uns nicht gut tun oder die Gedanken nicht den äusseren Bedingungen entsprechen. Gerade in diesen Fällen ist die Fähigkeit, unsere Aufmerksamkeit willentlich auf bestimmte Inhalte zu legen oder zu lösen von unschätzbarem Wert.
Der einzige Weg nach draussen ist der nach drinnen.
Unbekannter Verfasser
Es gibt Menschen, welche Mikroausdrücke im Gesicht von Natur aus gut erkennen können. Diese Fähigkeit kann man trainieren und verbessern. Zwei Meditationsmeister schnitten im Erkennen von Mikroausdrücken besser ab, als tausende andere Testpersonen 35. Vor dem Hintergrund, dass unser tägliches Leben im Austausch mit anderen Menschen stattfindet, sind dies Evidenzen mit grosser Implikation.
Achtsamkeit in rechter Gesinnung
Nach Matthieu Ricard ist es von grosser Wichtigkeit, dass wenn man von Achtsamkeit redet, man unbedingt von Achtsamkeit in rechter Gesinnung sprechen muss. Andernfalls könne man schnell von der Essenz abkommen, nämlich Leiden zu lindern. All die erwünschten Effekte können auch negative Folgen haben – bedenke man einen achtsamen Söldner oder Psychopathen. Er sei voll und ganz bei sich, hat seine Gefühle unter Kontrolle, er urteilt nicht, denn er tötet alle. Deshalb ist es unabdingbar, dass wenn Achtsamkeit praktiziert wird, die Komponente der rechten Gesinnung von Anbeginn beachtet werden muss. Diese stelle sich nicht einfach automatisch ein 36.
Und langes Leben?
In einer grossangelegten Studie kamen die Forscher zum Schluss, dass Meditation auch Vorgänge in den Zellen beeinflussen könne. Sie sehen dies als Beweis, dass Meditation einer unserer fundamentalsten Mechanismen unserer Biologie beeinflusse – nämlich die Zellalterung 37. Es gibt mittlerweile Hinweise, dass die Meditation womöglich sogar den Alterungsprozess verlangsamen könne 38. Dass Meditation unser Erbgut und unsere Zellgesundheit positiv beeinflussen könne, gehöre zweifellos zu den spannendsten Erkenntnissen der jüngsten Zeit – so die Wissenschaftler 39.
Wir haben die Vision, dass Meditieren zum Alltag gehört wie Zähneputzen. Wir gehen achtsam mit unseren Zähnen um, indem wir sie putzen und pflegen. Genauso achtsam sollten wir mit unserer Psyche umgehen
Prof. Richard Davidson

Zu den anderen Teilen:
Teil 1: Die Wissenschaft befasst sich mit Meditation. Und wer meditiert jetzt überhaupt?
Teil 2: Hilft Meditation bei psychischen Krankheiten? Und wie sieht es bei den Gesunden aus?
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Die Damo Meditationsgruppe trifft sich wöchentlich. Laufend bieten wir unter Termine Vorträge und Seminare rund um die Thematik Meditation an.
10 Nutzen, welche durch Chan Meditation entstehen
Quellen:
- Arte Doku (2017): Die heilsame Kraft der Mediation. Min.: 30:00
- Davidson, R. in Arte Doku (2017): Die heilsame Kraft der Mediation. Min.: 32:00
- Arte Doku (2017): Die heilsame Kraft der Mediation. Min.: 36:00
- Gard, T. u.a. (2012) «Pain Attenuation trough Mindfulness Is Associated with Decreased Cognitive Control and Increased Sensory Processing in the Brain», in : Cerebral Cortex 22, S. 2692 – 2702
- Grant, J.A. u.a. (2011): «A Non-Elaborative Mental Stance and Decoupling of Executive and Pain-Related Cortices Predicts Low Pain Sensitivity in Zen Meditators», in : Pain 152 (1), S. 150-156
- Kingsland, J. (2017): Die Hirnforschung auf Buddhas Spuren (Beltz), S. 37. Originalausgabe: Kingsland, J. (2016). Siddhartha`s Brain: The Sciene of Meditation, Mindfulness and Enlightenment (Robinson)
- Kingsland, J. (2017): Die Hirnforschung auf Buddhas Spuren (Beltz), S. 58. Originalausgabe: Kingsland, J. (2016). Siddhartha`s Brain: The Sciene of Meditation, Mindfulness and Enlightenment (Robinson)
- Singer, W. & Ricard, M. (2013, 7. Aufl): Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog (Suhrkamp). S. 26
- Singer, W. & Ricard, M. (2013, 7. Aufl): Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog (Suhrkamp). S. 33
- Singer, W. & Ricard, M. (2013, 7. Aufl): Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog (Suhrkamp). S. 38
- Singer, W. & Ricard, M. (2013, 7. Aufl): Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog (Suhrkamp). S. 52
- Singer, W. & Ricard, M. (2013, 7. Aufl): Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog (Suhrkamp). S. 65
- Singer, W. & Ricard, M. (2013, 7. Aufl): Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog (Suhrkamp). S. 80
- Singer, W. & Ricard, M. (2013, 7. Aufl): Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog (Suhrkamp). S. 73
- Sternstunde Philosophie (2015): Matthieu Ricard – vom Wissenschaftler zum buddhistischen Mönch. Min.: 40-45.
- Arte Doku (2017): Die heilsame Kraft der Mediation. Min.: 39:00
- Arte Doku (2017): Die heilsame Kraft der Mediation. Min.: 43:00
- Arte Doku (2017): Die heilsame Kraft der Mediation. Min.: 46:00
Autor
Dominik Pfyffer