Sanda Weiterbildung bei Profi K1 Fighter Ruben Lee
Dominik ist Lehrer im Shaolin Chan Tempel. Er unterrichtet Sanda (Vollkontakt) und Kung Fu bei Erwachsenen und Kindern. Während rund zwei Wochen war er bei Ruben Lee, einem Professionellen K1 Fighter, zur Weiterbildung. Ruben Lee absolvierte über 50 Profikämpfe und leitete über ein Jahr den Unterricht in einer chinesischen Sanda Schule.
Dominik besuchte am Morgen den regulären Kampfunterricht in der Klasse, am Nachmittag stand 1on1 Training mit Ruben auf dem Programm. Die Schule ist im Shaolin Chan Temple Institut Spain untergebracht. Dominik konnte in dieser Zeit bei dessen Meister, Shi Yan Jia, leben.
Shaolin Kung Fu ist ein Weg des Friedens. Warum kämpfst du?
Kämpfen ist ein Gleichnis fürs Leben – ein Wechsel von Sieg & Niederlage, Glück & Unglück. In diesem Prozess gilt es Frieden zu finden.
In meiner Wahrnehmung werden insbesondere in unserer Gesellschaft starke Emotionen wie Angst, Macht- und Dominanzgefühle, Gefühle von Verletzlichkeit und Hilflosigkeit, Wut etc. stark unterdrückt. Gerade in spirituellen Kontexten bin ich mir manchmal nicht so sicher, inwieweit vor allem Wut nicht einfach negiert wird. Wir sind wie Kinder, welche die Augen verschliessen und denken, man sieht sie nicht. Nur weil wir Emotionen unterdrücken, heisst es nicht, dass sie nicht da sind. Unsere grössten Kämpfe bestreiten wir tief in unserem Inneren – und zwar dann, wenn wir unseren Ängsten, Unsicherheiten und Selbstzweifeln in die Augen sehen müssen. Beim äusseren Kampf begegnet man all diesen Emotionen, man lernt sie kennen und man lernt damit umzugehen. Man lernt sich selbst kennen.
Ich habe dazu einmal ein schönes Zitat gelesen: Erleuchtung heisst, Licht in seine eigene Dunkelheit zu bringen. Ich habe mit Yan Jia Shifu lange über dieses Thema gesprochen. Er sagte dazu etwas sehr Schönes: Kämpfen ist dafür da, um das Ego zu zerstören.“
Das Ego ist der Teil in uns, der macht, dass sich unser Bewusstsein den ganzen Tag nur um uns dreht – Wir möchten besser sein als der andere, möchten mehr haben als jene, wollen noch mehr von dem, möchten dies und das nicht, haben Angst die, den oder das zu verlieren – und vergessen das Leben zu leben und in seiner Tiefe zu erfassen.
Und wie sah dein Tagesablauf aus?
Oh, wir sind hier in Spanien. Da ist alles ein bisschen spontaner als in der Schweiz. Oder wie es einer meiner Freunde hier zu pflegen sagt: “ We go with the flow. “
In der ersten Woche konnte Ruben kurzfristig dann doch nicht vor Ort sein. Morgens vor dem Unterricht habe ich manchmal meditiert, von 10-11.30 Uhr stand Gruppenunterricht auf dem Programm. Danach habe ich rund 1.5 h alleine weiter geübt. Am Abend dann nochmals rund drei Stunden alleine – Schattenboxen, Sandsacktraining, alles was so dazu gehört.
In der zweiten Woche trainierte ich zusätzlich rund 1h mit Ruben alleine. Das war schon recht intensiv. In den letzten Tagen war meine Energie am Ende und ich habe mein Selbststudium deutlich reduziert.

Wie war der Sanda Unterricht im Vergleich zur Schweiz?
In der Schule von Ruben gibt es mehrere Profikämpfer. Meist trainieren rund 15 SchülerInnen Vollkontakt, deutlich mehr als bei uns. Man hat immer wieder einen anderen Menschen vor sich – jeder bewegt sich anders, hat einen eigenen Charakter in seinen Bewegungen. Man lernt viel durch Beobachten. Hier wird jeden Tag intensiv Sparring, Ausdauer, Kondition und Kraftraining geübt – die Leute sind echt fit, das Niveau hoch.
Im Shaolin Chan Tempel Schweiz werden neben Sanda noch viele weitere Aspekte unterrichtet – traditionelles Kung Fu, Meditation, Qi Gong etc. Diese Ganzheitlichkeit ist, was für mich Shaolin Kung Fu so besonders, zu einem wahren Lebensweg und zu einer tiefgründigen Kunst macht. Man kriegt nicht nur ein Stück, sondern den ganzen Kuchen. Kung Fu gibt mir sehr viel.

Wie ist Ruben als Trainer?
Ruben ist ein sehr guter Trainer. Er muss niemandem etwas beweisen. Seine Fähigkeiten und Kräfte weiss er gezielt einzusetzen. Das Training ist hart, gleichzeitig immer geprägt von Respekt. Er unterrichtet sehr variantenreich und mit Konzept. Kein Training ist gleich. Das hat mich sehr beeindruckt.

Du konntest bei Shi Yan Jia wohnen, was ist Meister Shi Yan Jia für ein Mensch?
Meister Shi Yan Jia ist ein sehr weiser Mann mit einem grossen Herzen.
Bei Kung Fu geht es um viel mehr, als nur um technische Fähigkeiten. Die charakterliche Ausbildung nimmt einen grossen Raum ein. Mein Kung Fu Meister hat dazu ein Buch geschrieben.
Man hört oft, dass Kampfkunst mehr sei als nur kämpfen. Reden ist einfach, vorleben nicht. Shi Yan Jia ist ein Sinnbild für die Kampfkunstmoral des Shaolin Kung Fu. Dies spürt man in seinen Worten und seinen Handlungen.
Ich durfte sehr viel von Yan Jia Shifu lernen und wurde von ihm, seiner Mutter, seiner Freundin und seinen SchülerInnen gleich von Beginn weg als Teil der Familie aufgenommen. Diese Menschlichkeit hat mich tief bewegt. Ich bin sehr dankbar.

Was wirst du für Erfahrungen mit nach Hause nehmen?
Oh, wo soll ich beginnen…
Viel Menschlichkeit und „ die Tranquillo Mentalität“. In vielen Dingen bin ich ein typischer Schweizer: Ich mag es gerne pünktlich, zuverlässig, wie geplant und abgemacht und in einer strukturierten Weise. Das kannst du hier vergessen.
Am ersten Dienstag nach einem intensiven, ermüdenden Trainingstag meinte Yan Jia, dass wir so um 17.30 Uhr mit den anderen Kung Fu SchülerInnen für rund 2-3 Stunden grillieren gehen. In der Nacht um 1.30 Uhr bin ich am Tisch eingeschlafen, so müde war ich 🙂
Ein Highlight war sicher der Profikampf von Ruben. Wir sind leider erst in der letzten Runde von ihm in der Halle erschienen, weil wir „etwas“ spät gekommen sind und keinen Parkplatz gefunden haben. Es haben noch zwei weitere Schüler der Schule gekämpft. Die haben wir auch verpasst. Da landen wir wohl wieder beim vorherigen Punkt.
Die Leute hier leben sehr im Moment – mit ihren guten und weniger guten Ausprägungen. Ich habe gelernt, die Dinge mehr zu nehmen, wie sie kommen.
Die vielen Gespräche und der allabendliche Besuch in der wohl besten Eisdiele mit Yan Jia und seinen Angehörigen werden mir in besonderer Erinnerung bleiben.
Nicht ganz nebenbei hat das intensive Training natürlich auch seine Spuren in meinen Fähigkeiten und an meinem Körper hinterlassen.

Zum Schluss, was fühlst du beim Sanda?
Ganz viel – Oft die unangenehmen Emotionen, welche ich in der ersten Frage angesprochen habe.
Ab und zu stellt sich auch eine grosse Klarheit und Einspitzigkeit ein. Ich vergesse alles um mich herum, bin ganz da. Innerlich fühle ich eine tiefe Ruhe, alle Alltagssorgen und Problemen sind vergessen. Gleichzeitig sind da grosser Frieden und Liebe. Liebe, welche frei ist von Objekten.
Beim eigentlichen Kampf in diesen Zustand zu kommen ist für mich schwierig. Beim Kämpfen erfahre ich dies höchst selten.
Ich lebe in Luzern, in zwei Minuten bin ich auf einem Hügel mit Ausblick über Stadt, See und Berge. Dieser Zustand kommt eher hoch, wenn ich da oben, in einer lauen Sommernacht für mich alleine Kung Fu praktiziere.
