Grosse Ehre für Serge Kaulitz
Ich kann mich noch gut an eine Theoriestunde in meinen frühen Kung Fu Jahren erinnern. Shifu (Anm. Anrede für Shaolin Kung Fu Meister) hat vom Kung Fu Stammbaum erzählt, in die Runde geschaut und gesagt: „Vielleicht wird einmal einer von euch mein zweiter Meisterschüler.“ Mir kamen viele Schüler in den Sinn. Mein Name war nicht darunter. Wenn mir jemand vor elf Jahren gesagt hätte, dass ich Shifus zweiter Meisterschüler werde, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Nun ist es passiert. Wie? Vielleicht fange ich mit der Geschichte einfach etwas früher an…

Diesen Frühling im Trainingslager 2018 in Indien diskutierten Shifu und ich, dass wir nach zehn Jahren, seit ich im Shaolin Chan Tempel bin, endlich zusammen nach China fahren und bei Shiye trainieren könnten. Ich kenne Shifu jetzt viele Jahre und seit ich Kung Fu mache, haben wir von unserer gemeinsamen Reise gesprochen. Im Oktober 2018 war es soweit. Die Freude war riesig. Einerseits hatte ich die Möglichkeit, mit meinem Kung Fu Meister in China trainieren zu können, anderseits konnte ich mit einem Freund unsere gemeinsame Faszination teilen und in eine Kultur eintauchen, für welche er so viel geopfert hat.
Für mich war es das erste Mal in China. Wir widmeten uns viele Stunden der Meditation, dem Qi Gong, der Kaligraphie, Tee und natürlich Kung Fu. Ich diskutierte mit Shifu, dass ich es schöne fände, einen chinesischen Namen zu erhalten. Ich machte mir darüber Gedanken. Zudem wuchs von Tag zu Tag das Bedürfnis, mein Respekt Shifu und Shiye (Grossmeister und Linienhalter der Kung Fu Familie Wang) noch mehr zu zeigen. Ich wollte nicht nur einen Namen, sondern meine Verbundenheit zu meinen Kung Fu Meistern mittels einer Zeremonie zeigen. Ich wusste die Schule und Kung Fu sind mein Zuhause und die Schüler meine Familie. In China und mit den Gesprächen mit Shifu wurde mir das noch bewusster.
Shifu sagte mir, dass ich Shiye fragen müsse. Also tat ich dies… und nochmals… und wieder… und again. „Yes, i think about it! You go, train!“, sagte Shiye immer. Ich dachte, so lange muss man doch nicht über einen Namen oder die Zeremonie nachdenken. Manchmal dachte ich: „Ach lass es sein!“ und doch… der Wunsch wurde immer stärker.
Wenige Tage vor Abreise und nach gefühlten 28-mal Fragen, willigte Shiye ein. Folgend erklärte mir Shiye was dies bedeutet. Mir lief es kalt den Rücken herunter. Einerseits freute ich mich riesig, auf der anderen Seite fing ich an zu begreifen, um was ich gebeten hatte. Jetzt weiss ich auch warum Shiye fast zwei Wochen mit einer Antwort gezögert hatte. Mit einem Namen würde ich in die Shaolin Kung Fu Familie Wang, seine Familie, aufgenommen. Ein Vergleich viel mir immer wieder ein – Götti sein. Zu Beginn hat man die vielen Feste und Kuchen im Kopf, mit der Zeit realisiert man, zu was dieses Amt Götti wirklich dient und welche Verantwortung es mit sich bringt.
Shiye gab die Frage zurück: „Bist du dir sicher, dass du diese Verantwortung willst und bist du bereit dafür?“ Ich war die nächsten Tage sehr unsicher, ob ich der richtige für die Aufgabe war und wie meine Mitschüler reagieren würden. Ich weiss, dass vielen Menschen im Tempel Kung Fu sehr viel bedeutet, sie viele Stunden und über lange Zeit hart trainieren. Es gibt einige die bestimmt mehr als ich üben. Am wenigsten wollte ich jemanden vor den Kopf stossen. Ich habe mir den Kopf zerbrochen. Doch ich kam zum Schluss, dass obwohl mein Kung Fu bestimmt nicht das Beste ist, ich Eigenschaften habe, um die Tradition weiter zu geben und den Tempel zu unterstützen. Also willigte ich ein.

Nun, ist es passiert. Fliegen, wie in den Kung Fu filmen, kann ich trotzdem nicht. Schade – umso mehr fange ich an zu begreifen, was es heisst, diese Tradition über tausende Jahre zu vermitteln. Wie viel Shiye, Shifu, Zong Jiao Lian und viele weitere schon dafür investiert haben. Die Freude ist riesig, die Ehrfurcht und der Respekt ebenso. Aber ich denke, es ist wie mit dem Elternteil sein, man wächst in die Aufgabe hinein. Und darum freue ich mich auf viele weitere Jahre Kung Fu – Als Serge, Mustava, Tudi, Laoshi, Freund und jetzt auch als Yong Cheng.
Ich danke Shiye und Shifu für das Vertrauen, Zong Jiao Lian danke ich für die Unterstützung im gemeinsamen Unterricht und den Mitschülern für die Freundschaft und schöne Zeit. Kung Fu hat mein Leben verändert. Wenn es in mir so viel bewirkt hat und ich nur einen Bruchteil weitergeben kann, habe ich mein Ziel erreicht. Vielleicht kann ich eines Tages einem Schüler etwas zeigen und er erreicht dank dem, genau wie ich, etwas, wovon er nie geträumt hätte– zum Beispiel Meisterschüler werden.
