Aus der Unternehmenswelt für zwei Wochen im Shaolin Chan Tempel
Vor gut 10 Jahren klingelt das Telefon in unserem Kung-Fu Tempel. Michael präsentierte uns einen Vorschlag – zwei Wochen Intensivbetreuung rund um die Shaolinkünste: dies war der Startschuss für unsere Angebote „Weekend-und Langzeitaufenthalte“ und Michael damit der erste Wochenaufenthalter im Shaolin Ch’an Tempel Institut. Eine enge Freundschaft ist über die Jahre entstanden. Nach Roger Stutz (Shi Xing Long) sei die Beziehung zu Michael viel mehr als nur eine Schüler/Lehrer Verbindung, über die Jahre hat sich eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden Männern entwickelt. Zudem unterstützt Michael den Shaolin Chan Tempel auch in einer wichtigen Beraterfunktion.

Wie verbringt man eine kurz Auszeit?
Mit Kung–Fu!
Wie verbringt man eine kurze Auszeit? Als engagierter Personalleiter (Head Human Resources PwC Schweiz, Division Assurance) laufe ich wenig und sitze(zu) viel. Ich beschäftige mich mit Menschen, Prozessen, Zahlen, Ausbildungen und Entwicklung. Aber eigentlich habe ich kaum je Zeit für mich. Von Kampfsport habe ich wenig Ahnung, für Kung Fu und östliche Bewegungsformen wie Qi Gong aber viel laienhafte Begeisterung. Ich nehme meinen Mut zusammen und rufe Shi Xing Long an, Roger Stutz, seinen Kontakt habe ich im Internet gefunden. Der Kampfmönch aus der Region Luzern ist so anders als man ihn sich vorstellt, so ruhig, überlegt, man möchte sagen sanft. Und er ist gleichermassen erstaunt über meine Anfrage auf eine Sportwoche bei ihm wie ich, Neuland für uns beide.
Wir treffen uns, reden, schmieden Pläne. Wir verabreden uns für eine ganze Woche im Shaolin Chan Tempel in Obernau. Er geht auf mich ein, passt sein Programm an meine Leistungsfähigkeit an, eben: Anfänger mit Lust auf Bewegung und zu wenig Kondition für eine Sportwoche.
Tag 1
Ich treffe im Tempel ein und richte meine Schlafkoje ein. Ein Schlafsack und eine Matte, eine kleine Stellwand als Sichtschutz. Ich will kein Hotel, einfach soll es sein, mich erden. So ist es perfekt. Kurz darauf legen wir los, joggen Richtung Wald, überqueren den Ränggbach, es ist einfach herrlich. Der Mönch an meiner Seite spricht und lacht, ich lache mit. Dann die „Prügeltreppe“ – ein einfach angelegter Weg zur nahen Wallfahrtskirche am Jakobsweg, 1000 Stufen erwarten mich. Ich versuche es, Shifu läuft neben her wie ein junges Reh. Ich laufe weiter, das Reden und Lachen habe ich mittlerweile eingestellt. Ich teile meine Kraft ein, aber dann bin ich oben, geniesse die Aussicht und das surren in meinen Beinen. Wir rennen zurück, abwärts fällt es mir leichter. Aber es spielt keine Rolle wie schnell ich bin, der Mönch ist rücksichtvoll und spornt mich doch an.
Am Nachmittag meine ersten Lektionen in Kung-Fu. Ich brauche meinen ganzen Körper, meinen Geist. Ich muss mich konzentrieren auf die Bewegungen, meine Koordination und Beweglichkeit, gleichzeitig brauche ich Kraft. Teepause, weiter geht’s. Manchmal schäme ich mich etwas – wie unbeweglich ich doch bin, früher war das doch mal anders. Der Kampfmönch spürt mich. Er führt mich mit strenger Hand und gibt mir doch nie das Gefühl, dass ich nicht genüge. Er lehrt mich, wie wichtig der Stand ist, mit beiden Füssen fest auf der Erde. Ich hab das Gefühl, dass ich schon ziemlich stabil stehe. Shifu erklärt mir, dass die Ausbildung im chinesischen Shaolin-Kloster monatelang darin besteht, einen festen Stand zu üben. Monatelang? Das könnte ich nicht – weder mein Ehrgeiz noch meine Erwartungen würden zulassen, dass ich monatelang denselben Stand übe. Shifu weiss über westliche Erwartungen Bescheid und baut zügig an mir weiter – und ich komme ins Grübeln, ob ich wohl nicht zu schnell zu viel will. Eine leise Bewunderung für die chinesische Art macht sich in mir breit, für chinesische Beharrlichkeit und Geduld. Ein fester Stand dauert eben Monate und nicht nur Stunden, manchmal wahrscheinlich ein ganzen Leben. Lebenschule am ersten Tag.
Abends kochen wir uns gemeinsam chinesisches Fladenbrot und ein Reisgericht, ich sitze auf dem Boden an einem niedrigen Tisch und trinke meinen Tee. Ich trage mein Trainingsgewand und einen Gurt, der mich im Tempel als Anfänger outet. Ich bin mir das nicht gewohnt: ich führe Mitarbeitende im Beruf, verdiene nicht schlecht, bin Mitglied der Divisionsleitung, Vater. Hier trage ich den Anfängergurt. Schüler treffen ein, sie legen ihre Hände zum Gruss aneinander, neigen sanft den Kopf und begrüssen Shifu mit einem nǐhǎo. Shifu, ein ordinierter Mönch, der Meister, antwortet auf die gleiche Art. Die Schüler wenden sich Shi Yong Wen, Thomas Degen, zu. Meisterschüler meines Shifu, ebenfalls Meister, Chefinstruktor im Tempels. Dann mir. Ich werde mit denselben Worten und Gesten begrüsst wie die beiden Meister. Trotz meinem Gurt – oder vielleicht gerade deswegen. Die Hierarchie ist allgegenwärtig, die Gurtfarbe und die Farbe der Gewänder platzieren jeden und jede. Ich bin in dem Moment einfach überwältigt von der Art und Weise, wie ich hier begrüsst und eingebunden werde. Wenn dieser gegenseitige Respekt, unabhängig vom Grad oder einer Farbe, doch nur in der Gesellschaft und in Unternehmen Einzug halten würde.

Die folgenden Tage
Ich mache Fortschritte, in Kung-Fu, Taj Chi und Qi Gong, chinesischem Kochen und Genügsamkeit. 8 Stunden Bewegung am Tag, manchmal ruhig, fliessend, rund. Manchmal schnell, kraftvoll, kämpferisch. Ich spüre das erste Mal in meinem Leben, wie es ist, mit voller Kraft und aus geübtem Stand in einen Sandsack zu schlagen. Es ist irgendwie als würde man sich trauen, mal richtig laut zu singen – ich weiss gar nicht, wie meine Stimme klingen würde, wenn ich dazu den Mut hätte. Ich wusste gar nicht, wieviel Kraft ich in einen Schlag legen kann. Und ich spüre, dass ich mit jedem Schlag und mit jeder Korrektur an Stand und Bewegung stärker werde.
Wenn Shifu mit meiner zunehmenden Kraft und Technik seinen Stand ändern muss, um den Sandsack zu halten, kommt ein Grinsen in mein Gesicht. Wenn ich abends erschöpft in mein Bett falle, sehe ich das leise Grinsen in Shifus Gesicht – er gewinnt unser Duell, sagen würde er das nie.
Ich werde in der kurzen Zeit beweglicher, dehnbarer, kräftiger. Ruhiger, gelassener. Die Gespräche beim gemeinsamen Kochen, Essen und Tee trinken balancieren das Training aus. Shifu ist ein Mann aus der Schweiz, mit Frau und Kind, Lehre und Beruf. Er versteht mich – und aus seiner Natürlichkeit und Normalität heraus verstehe ich ihn auch, auch wenn er in so vielem so viel weiter ist als ich.
Was kommt danach…
Das ist nun schon alles ein paar Jahre her. Mein ersten Schritte in Kung-Fu habe ich in der Zwischenzeit verloren, etwa gleich schnell wie meine Fortschritte in der Dehnbarkeit. Aber das spielt keine Rolle. Die Woche mit Shifu und Thomas haben mich verändert. Natürlich ist das manchmal alles weit weg und hilft mir auch nicht wirklich, wenn eine Mail-Flut über mich hineinbricht. Aber immer wieder denke ich daran zurück, schöpfe Kraft und erinnere mich daran, wie wichtig ein guter Stand ist, dass man den Boden unter den Füssen spürt, mit seiner Energie sorgfältig umgeht, Entscheide fürs Leben fällt. Shifu seinerseits hat nach unserer gemeinsamen Erfahrung ein neues Angebot ins Leben gerufen, die Wochenaufenthalter, wenn gewünscht auch mit mehr Komfort als damals. Was für ein Privileg, dass dieser Mann seine Türen für alle öffnet und sein Wissen und seine Erfahrung teilt.
Bis heute pflege ich eine Freundschaft mit Shi Xing Long und Shi Yong Wen. Bis heute begleitet ihr mich auf meinem Weg. Xièxiè.
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