Die Kunst des Schwertziehens
Vielleicht habt ihr euch auch schon gefragt, wer die Künstler in den schwarzen Roben mit den japanischen Schwertern im Tempel sind?
Zwei Mal in der Woche trainieren im Shaolin Chan Tempel die Schülerinnen unter Shibucho Hugo Ulrich. Dies führt einerseits auf eine lange Freundschaft zurück, anderseits macht es den Shaolin Chan Tempel zu einem Ort, an welchem sich unterschiedliche Kampfkünste und Kulturen treffen.
Shibucho Hugo Ulrich hat im Februar in Japan erfolgreich die Prüfung zum 5. Dan (Godan) abgeschlossen. Das sehen wir als perfekten Anlass, um einmal genauer hinzuhören, wer unsere Hallen den noch so belebt.

Hugo, was ist Iaido?
Iaido ist der Weg des Schwertziehens. Es ist eine, aus dem ursprünglichen Iaijutsu entwickelte, Konzentrationsschule die heute in Japan als der edelste Weg der Budo-Praktiken angesehen wird. Die Techniken des Iaido sind inzwischen völlig von ihrem kriegerischen Ursprung abgelöst und werden nur als intellektuelle Disziplin für die Schulung des Körpers, des Geistes und der Konzentration betrachtet. Iaido gilt dabei als die friedliche Form der Samurai Techniken.
Wir gehören dabei der MUSO JIKIDEN EISHIN RYU Schule an. Sie ist die einzige Schwertschule Japans, die während der über 450-jährigen Geschichte des Iaido bis heute ihre Ursprünglichkeit bewahren konnte. Mein Lehrer Sensei Sekiguchi Komei ist dabei der 21. Hauptmeister in der direkten Nachfolge.

Hugo mit seinem Meister, Sekiguchi Sensei Japan 2020
Und wie bist du zum Iaido gekommen?
Im Jahr 1989 gelange diese Kunst in die Schweiz. Nur vier Jahre später besuchte ich dank meinem Bruder einen Lehrgang und war sofort begeistert von dieser speziellen, japanischen Kampfkunst und das ist bis heute geblieben. Verletzungsbedingt konnte ich keine Kampfkunst mit Körperkontakt ausüben. Deshalb war das für mich genau das Richtige. Im Iaido gibt es keinen Zweikampf, da kann jeder individuell, nach seinen Möglichkeiten, vor- und nachgeben.
Mittlerweile übe ich diese Kunst seit bald 27 Jahren aus und besuche mehrmals im Jahr Weiterbildungen in Europa. Auch an der Quelle in Japan war ich schon sieben Mal.
Ich hoffe, dass ich diese Schwertkunst noch lange ausüben kann.
Was ist deine Philosophie hinter Iaido?
Was mir besonders zusagt, ist dass jeder ein Sensei (Lehrer) ist, ob Schüler oder Lehrer. Alle lernen voneinander. Jeder ist sein eigener Gegner, den er zu achten hat und jeder versucht sich selbst zu vervollkommnen. Nicht Wettkämpfe zeigen deine wahre Stärke, sondern nur deine Disziplin und Ausdauer. Das Ego ist der grösste Gegner, den es zu beherrschen gilt.
Beim Iaido gefällt mir, dass man es auch mit körperlicher Beeinträchtigung ausüben kann. Schüler, die keine Katas (Bewegungsformen) aus dem Sitzen machen können, führen diese Katas einfach stehend aus. Man kann auf jeden individuell eingehen. Das Ziel ist nicht, dass jeder ein Meister werden muss. Spass und Freude am gemeinsamen Training zu haben, ist wichtiger.
Was ist das Ziel beim Iaido?
Die Schulung von Körper und Geist steht im Vordergrund. Auf diesem Weg haben wir 71 Grund Katas (Bewegungsformen) und verschiedenste Varianten davon. Diese zu perfektionieren, sowie die Namen zu lernen und ihre Anwendungen zu kennen, erfordert viel Einsatz. Beim Ziehen, Schneiden und Versorgen des Schwertes streben wir Perfektion an. Dabei gehören auch Schneidetests zu unserem Übungsprogram.
Was gibt dir Iaido?
Iaido ist ein grosser Teil von meinem Leben und meiner Freizeit. Oftmals bin ich nach dem Arbeitsalltag müde, aber genau dann muss ich ins Training gehen. Es gibt mir den Ausgleich zur stressigen Arbeitswelt. Ich kann herunterfahren, etwas anderes machen und habe einen körperlichen und geistigen Ausgleich. Danach fühle ich mich besser, wenn ich am Abend nach Hause gehe.
Du hast die Prüfung zum 5. Dan bestanden. Was bedeutet das?
Im Westen gilt es als gute Referenz, wenn der Lehrer einen hohen Dan Grad aufweist. Das ist gut für das Bild der Schule und dessen Mentalität. Für mich ist jedoch die Iaido Schule wichtig, sowie ein guter Lehrer zu sein und auf dem Weg weiter zu gehen. Deshalb übe ich diese Arbeit weiter aus, unabhängig von einem höheren Dan Grad.
Auf der anderen Seite hat es mich natürlich trotzdem gefreut, als ich die Auszeichnung erhalten habe. Ich habe momentan Probleme mit meinen Knien und war mir nicht sicher, ob ich überhaupt an der Prüfung antreten kann. Durch intensives Training konnte ich es dann doch schaffen und habe eine sehr gute Prüfung hingelegt.
Es ist eine Befriedigung für all die Jahre des harten Trainings.

Theorie Prüfung, Japan 2020
An welche Iaido Erlebnisse erinnerst du dich speziell?
An die Seminare in Japan. Da treffen sich jeweils viele Interessierte aus der ganzen Welt, um gemeinsam zu trainieren. Es ist in einem familiärer Rahmen, welcher Menschen verschiedener Länder und Religionen zusammenbringt


15. Gashhuku Seminar in Katsuura Japan 2020

Eine besondere Ehre ist es, wenn du vom Meister ausgewählt wirst, an den Kobudo Vorführungen (Enbu) in Tokyo teilzunehmen. Ich durfte 2011 und 2017 dabei sein, was ein besonderes Erlebnis war.
Die Jährlichen Vorführungen (Enbu) im Yasukuni Schrein (Religiöse Stätte in Japan, Tokyo, zu Ehren von Gefallenen in Kriegen seit 1868) sind jeweils auch sehr wichtig für mich. Da halten wir jeweils ein Ritual im Tempel ab und beten für den Weltfrieden.


Enbu Yasukuni Schrein Japan 2020
Was hast du für ein Verhältnis zu deinem Meister?
Mein Meister und ich sind in einem freundschaftlichen, respektvollen Meister – Schüler Verhältnis verbunden. Ich schätze ihn sehr und bin stolz, ein direkter Schüler von ihm zu sein.
Unserer Schule ist sehr familiär. Bei unseren Treffen sind wir jeweils wie eine grosse Familie. Dadurch, dass wir Weltweit nicht eine sehr grosse Schule sind, kann unser Meister sehr individuell auf uns Schüler eingehen. Das Ziel von unserem Meister ist es, verschiedene Kulturen und Religionen, obwohl wir Kampfkunst betreiben, auf eine friedvolle Weise zusammen zu bringen.
Was möchtest du deinen SchülerInnen mit auf den Weg geben?
Als Praktizierender und Lehrer der Kampfkunst, ist es mein grösster Wunsch, mich fürsorglich um meine Schülerinnen zu kümmern. Ich will ihnen das ursprüngliche Iaijutsu und die wahren Tugenden des Iaido vermitteln. Es ist mir wichtig, sie in ihrer Entwicklung und ihren Fähigkeiten stärken zu können. Nur so können sie das wahre Wissen unserer Schule in die Welt tragen.
Die persönliche Entwicklung der SchülerInnen steht dabei immer im Vordergrund. Zuerst üben sie die richtige Körperhaltung und Fortbewegung, um sich anschliessend der geistigen Aufmerksamkeit widmen zu können und das Ganze in ihr Leben zu übertragen.
Praktizieren, lehren und lernen zu können ist mein grösster Wunsch.
Was wünschst du dir für deine Iaido Schule?
Ich bin Beauftragter (Shibucho) für die Schweiz und mein Auftrag ist es, die Iaido Kultur hier zu verbreiten und zu fördern.
So wünsche ich mir, immer genügend SchülerInnen, damit ich diese Schwertkunst immer betreiben und lehren kann. Weiter wünsche ich mir, dass in der Schweiz, durch meine Schüller, weitere Zweigschulen eröffnet werden können, damit noch mehr die Möglichkeit haben, diese Kunst in ihrer Nähe zu lernen.
Ein Wunsch ist in letzter Zeit schon in Erfüllung gegangen. Mit Diego Bonetta habe ich einen Stellvertreter, welcher mir hilft, das Training zu leiten. Er hat den richtigen Geist und die Fähigkeiten dazu, ein Meister zu werden. Er hat ebenfalls diesen Februar mit Erfolg seine Prüfung bestanden und hat die 2. Dan (Nidan) Graduierung erreicht.

Shibucho Hugo Ulrich, Sekiguchi Sensei, Diego Bonetta Sensei, Japan 2020
Du bist hier die ganze Zeit von Praktizierenden der Shaolin Künste umgeben. Wie fühlt sich das an?
Ich und meine Schüller fühlen uns sehr wohl hier. Es ist sehr schön, dass zwei verschiedene Kulturen hier Unterricht haben und der Austausch ist befruchtend. Es gibt auch immer wieder gute Gespräche untereinander. Dies ist auch ganz im Sinne von unserem Meister, welcher Kulturen verbinden möchte.
Sein Motto ist: „I-Shin“ Ein Herz! Das bedeutet, wir sind alle miteinander verbunden.

Und welche Passion frönt Hugo, wenn er einmal nicht beim Iaido ist?
Ach, mir wird nie langweilig. Ich gehe gerne mit meiner Frau auf Reisen in fremde Länder, Motorradfahren, Wandern und Joggen. Biken und Renn Velo fahren sind weitere Hobbys von mir. Manchmal geniesse ich auch einfach das Nichtstun oder höre Musik oder lese.
Hat es dich gepackt und du möchtest auch einmal Iaido ausprobieren?
Hier geht es zur Website vom Kumaizasa Dojo